Zum ersten Mal hört sie an der Primarschule in Indien von Wilhelm Tell und dem Apfelschuss mit der Armbrust. Fast dreissig Jahre später setzt sich Sonam Nebel in ihrer ABU-Vertiefungsarbeit intensiver mit dem Schweizer Helden auseinander und taucht so ein in die Mythen ihrer neuen Heimat.
An der EB Zürich besuchen pro Jahr rund 100 Personen den Allgemeinbildenden Unterricht, (ABU) und erwerben so eine wichtige Voraussetzung für einen Berufsabschluss. Einige von ihnen begannen im Sommer 2025 bei ABU-Lehrerin Ursina Vetsch den Kurs. Immer mittwochs unterrichtet sie sie in den Grundlagen des Schweizer Rechts, der Wirtschaft sowie des Aufbaus des Schweizer Staates und seiner Mitwirkungsmöglichkeiten. Im Interview gibt sie kurz Auskunft über ihre abwechslungsreiche Tätigkeit.
Ursina, was gefällt dir an deiner Arbeit im ABU-Unterricht?
Die Arbeit mit alltagsbezogenen Themen, die Zugang ermöglichen und Selbstbestimmtheit fördern. Zum Beispiel finde ich es immer wieder toll, die politischen Mitwirkungsmöglichkeiten anhand einer aktuellen Abstimmungsvorlage zu behandeln. Viele Teilnehmende, die von sich meinen, nicht politisch zu sein, entdecken dann, dass sie sich sehr wohl für Politik interessieren.
Welche Highlights fallen dir ein, seit du ABU unterrichtest?
Eines sind sicherlich die Vertiefungsarbeiten (VA) bzw. der Weg dahin. Für viele ist es eine grosse Hürde und mit einigen Unsicherheiten verbunden, eine solche Arbeit zu schreiben. Hierbei Teilnehmende zu begleiten und ihnen Mut zu machen, ist eine sehr erfüllende Aufgabe. Und wenn es dann zu so beeindruckenden Ergebnissen wie Sonams Arbeit kommt, bin ich richtig stolz.
Wie unterstützt du die Teilnehmenden bei der Suche nach einem passenden Thema?
Ich versuche, beim persönlichen Bezug anzusetzen. Durch Gespräche und gezielte Fragen finden wir gemeinsam heraus, wo Interessen liegen. Oftmals werden es auch sehr persönliche Arbeiten, da viele unserer Teilnehmenden sehr bewegte Biografien mitbringen.
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«Teilnehmende bei ihrer Vertiefungsarbeit zu begleiten und ihnen Mut zu machen, ist eine sehr erfüllende Aufgabe.»

In den letzten Monaten haben die Teilnehmer/-innen ihre Vertiefungsarbeiten über ein von ihnen gewähltes Thema geschrieben und Mitte Januar im Kurs präsentiert. Eine davon handelt von einem Schweizer Helden – Wilhelm Tell. Unter dem Titel «Die Armbrust in der Schweiz: Legende, Leidenschaft und Präzision» beschäftigte sich Kursteilnehmerin Sonam Nebel intensiv mit diesem Mythos. Im Gespräch erklärt sie, wie es dazu gekommen ist und was sie daran so fasziniert.
Sonam, wann hast du zum ersten Mal etwas von einer Armbrust gehört?
Zum ersten Mal habe ich an der Primarschule in Nordindien von ihr gehört: In der 5. Klasse erzählte uns ein Lehrer von Wilhelm Tell und seinen Heldentaten – ich war total fasziniert von dieser Art 'Robin Hood'! Das Bild vom Apfelschuss mit seinem Sohn ist mir im Gedächtnis haften geblieben.
Hast du deswegen dieses Thema für deine Vertiefungsarbeit gewählt?
Ja, weil ich selbst diesen Traum, Pfeilbogen zu schiessen, nicht ausüben konnte; in Indien war dieser Sport für Frauen nicht möglich. Und jetzt lebt dieser Traum quasi in meiner Tochter wieder auf: Seit einigen Jahren ist sie in einem Verein und schiesst mit der Armbrust. Mit der Vertiefungsarbeit habe ich die Chance, sie und ihre Welt besser kennenzulernen.
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«Ich war total fasziniert von diesem 'Robin Hood from Switzerland'.»
Wie bist du vorgegangen, um in dich dem Thema Armbrust zu nähern?
Dazu habe ich verschiedene Orte in der Schweiz besucht: das Tell-Denkmal in Altdorf, die Tellsplatte am Vierwaldstättersee, die Hohle Gasse in Küsnacht und das Landesmuseum in Zürich. Dort erfuhr ich mehr über die Geschichte der Schweiz und über seinen Helden Wilhelm Tell. Daneben habe ich verschiedene Schützenvereine und deren Schiessanlagen besucht.
Was hast du dabei erlebt? Wie haben deine Ansprechpersonen dort reagiert?
Zum einen habe ich mir bis dahin wenig bekannte Orte und Gegenden der Schweiz näher kennengelernt – mittlerweile bin ich ein ganz grosser Fan vom Kanton Uri. Zum anderen bin ich auf herzliche und offene Bewohner dieses Kantons getroffen, die mir voller Stolz erzählten, dass Tell ‘einer von uns’ ist. Sie haben sich auch gewundert, dass ich als gebürtige Indierin so fasziniert bin von ihrem Helden.
Du hast auch mit der Armbrust geschossen, wie war deine Erfahrung?
Das Highlight meiner VA war, als ich endlich selbst mit einer Armbrust schiessen durfte. Obwohl ich im Zuge meiner Recherchen schon verschiedene Schiessanlagen besucht hatte und unter Anleitung eines erfahrenen Trainers schoss, war ich nervös. Er erklärte mir den Ablauf, ich legte den Pfeil ein, spannte ... und Schuss! Bis ich so gut bin wie Wilhelm Tell, muss ich noch mit meiner Tochter etwas üben ...
Du hast für deine VA die Bestnote erhalten. Was rätst du anderen Kursteilnehmenden, die gerade mit der VA beginnen?
Ich empfehle ihnen zum einen, sich auf das gewählte Thema zu konzentrieren und für die Recherche mit Menschen zu sprechen – und nicht nur im Internet nach Informationen zu suchen. Zum anderen rate ich ihnen, sich eine To-Do-Liste, einen Plan mit den Aufgaben für den nächsten Tag zu machen, denn: Spontan klappt es nicht!
Ihre Ansprechperson

