Vor drei Jahren waren zwei junge Erwachsene von der Krim in die Schweiz geflüchtet und mussten ganz von vorne anfangen – sprachlich wie beruflich. Doch mit «START! Berufsbildung» an der EB Zürich fanden sie den passenden Einstieg in die Schweizer Arbeitswelt. Über die dabei gemachten Erfahrungen erzählen sie in den Kursen ihrer früheren Klassenlehrperson.
Im Frühling 2023 waren Oleksandra und Yevhen von der Krim in die Schweiz geflüchtet (ihre ukrainische Heimat war acht Jahre zuvor von russischen Truppen annektiert worden). An der Universität hatten sie drei Jahre Marketing bzw. Jura studiert, was sie in der Schweiz jedoch nicht weiterstudieren konnten. Von Anfang an sei ihnen klar gewesen, so Yevhen, dass sie von null anfangen mussten – auch und vor allem bei Deutsch. Ein Leben ohne Ausbildung konnten sie sich nicht vorstellen, dabei half ihnen die EB Zürich.
Beinahe drei Jahre später besuchen sie ihre damaligen Kursleiterinnen, Anita Bühler und Dominique Sandoz Mey. Den Teilnehmenden von «START! Berufsbildung» erzählen sie von ihrem Weg, den dabei gemachten Erfahrungen, und geben ihnen Ratschläge, wie ein Einstieg in das Schweizer Ausbildungssystem klappen kann. Dominique Sandoz Mey, ihre Klassenlehrperson, blickt im Interview auf die Zeit mit den beiden im Kurs zurück.

Dominique, Oleksandra und Yevhen waren vor zwei Jahren bei dir im Kurs. Warum kannst du dich so gut an sie erinnern?
Zum einen stehe ich weiterhin mit vielen Teilnehmenden in Kontakt, um deren beruflichen Werdegang mitzuverfolgen. Zum anderen waren der Ehrgeiz und die Motivation der beiden für uns alle ein echtes Vorbild. Die zwei liessen von Anfang an keinen Zweifel daran, dass sie in der Schweiz bleiben möchten. Aufgrund ihrer realistischen Einschätzung der Situation erkannten sie schnell, dass sie nun alles daransetzen müssen, um hier Fuss zu fassen. Ebenso war ihnen bewusst, dass eine Integrationsvorlehre (INVOL) und anschliessend eine Lehre ihre Integration deutlich beschleunigen würden. Oleksandra und Yevhen waren stets äusserst offen und aufgeschlossen.
Du bezeichnest die zwei als deine «Superhelden» – warum?
Trotz ihres Studiums in der Ukraine waren sie bereit, nochmals von Grund auf eine Ausbildung zu beginnen. Im Unterricht setzten sie sich intensiv mit dem schweizerischen Bildungssystem auseinander. Aus eigener Initiative fanden die beiden ihren persönlichen Bildungsweg.
Anfängliche Absagen hielten sie jedoch nicht davon ab weiterzumachen. Sie suchten unermüdlich nach einer Lösung, bis sie einen Betrieb fanden, der ihnen in ihrem Berufsfeld eigens eine Integrationsvorlehre anbot. Für eine EFZ-Lehre reichten ihre Deutschkenntnisse zu diesem Zeitpunkt noch nicht aus. Beide verinnerlichten früh, dass sie – ungeachtet aller schulischen Unterstützung – selbst Verantwortung für ihr Leben tragen mussten. Entsprechend zeigten sie sich auch ausserhalb der Schule offen für Neues und suchten aktiv nach Möglichkeiten, ihre Deutschkenntnisse weiter zu verbessern.
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«Aufgrund ihrer realistischen Einschätzung der Situation erkannten sie schnell, dass sie nun alles daransetzen müssen, um hier Fuss zu fassen.»
Was können andere Teilnehmende von ihnen lernen?
Oleksandra und Yevhen haben gezeigt, dass man Ziele erreichen kann, wenn man wirklich will, Einsatz zeigt und sich beispielsweise gut auf ein Vorstellungsgespräch vorbereitet. Sie haben zudem erkannt, wie wichtig es ist, gut Deutsch zu sprechen. Ebenso haben sie das System «START! Berufsbildung» und die INVOL verstanden: Statt an ursprünglich geplanten Zielen festzuhalten, waren sie bereit, einen Schritt zurückzugehen und einen realisierbaren Weg einzuschlagen, um sich schrittweise bis zum eidgenössischen Fähigkeitszeugnis (EFZ) hochzuarbeiten.
Beide betonten, dass der rasche Einstieg in die berufliche Integration besonders gelingt, wenn man so früh wie möglich mit der Grundbildung beginnt. Die INVOL hat ihnen genau diesen strukturierten Einstieg ermöglicht. Ein Praktikum hingegen kann diese Funktion nicht im gleichen Masse erfüllen, da dort der systematische Aufbau beruflicher Grundlagen und die enge Anbindung an das Bildungssystem fehlen.

Zu Besuch an der EB Zürich
In den ersten Monaten in der Schweiz besuchten sie Deutschkurse, bis ihnen ihre Sozialberaterin empfahl, «START! Berufsbildung» zu besuchen. Mit diesem Programm konnten sie weiter Deutsch lernen und eine Art Ausbildungsprogramm anfangen. Da habe er verstanden, dass es ohne Ausbildung in der Schweiz nicht gehe, erzählt Yevhen, und ihm sei schnell klar geworden, dass weiter Jura zu studieren schon allein wegen der Sprache nicht möglich war. Er und Oleksandra entschieden sich daher, ein EBA oder ein eidgenössisches Fähigkeitszeugnis zu machen. Im Interview erzählen sie von ihren Anfängen in der Schweiz, ihrer Ausbildung und wie sie selbständig ihre Stellen der Integrationsvorlehre gefunden haben.
Als ihr in die Schweiz gekommen seid, konntet ihr kein Deutsch. Warum war es für euch so wichtig, diese Sprache möglichst schnell und gut zu lernen?
Yevhen: Wir mussten bei null starten, auch bei der Sprache. Und wir mussten Deutsch lernen, weil für uns klar war, dass die deutsche Sprache das wichtigste Kommunikationsmittel ist. Mit den Sprachkursen habe ich dann A1 erreicht.
Oleksandra: Das Problem war auch, dass wir Hochdeutsch gelernt haben, und du gehst aus der Schule raus – und sie sprechen Schweizerdeutsch, mit diesem ‘Akzent’. Das war anfangs etwas kompliziert. Während der ganzen Zeit war für uns wichtig, unsere Deutschkenntnisse zu verbessern. Später haben wir viel mit unseren neuen Kolleginnen und Kollegen gesprochen oder Deutsch mit Podcasts oder mit Youtube gelernt. Oder auf dem Weg nach Hause, easy German!
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«Für uns war immer sehr klar, dass die deutsche Sprache das wichtigste Kommunikationsmittel ist.»
Im Herbst 2023 habt ihr ab der EB Zürich «START! Berufsbildung» begonnen. Welche Ziele wolltet ihr damit erreichen?
Yevhen: Im Kurs haben sie nach unseren Interessen gefragt, und weil ich in der Ukraine ein Auto hatte und dieses gerne reparierte, haben sie mir geraten, Automobilfachmann zu werden. Oleksandra kochte gerne, da lag es nahe, dass sie in diesem Bereich etwas lernen sollte – aber mit uns war das ein bisschen komplizierter ... Unsere Klassenlehrperson Frau Sandoz Mey hat uns gesagt, dass wir mehr aus unserem Potenzial schöpfen sollten. Auch sollten wir mehrere Berufswege in Betracht ziehen und so an den Plänen A, B und C arbeiten. Für Frau Sandoz Mey waren wir Superhelden.
Oleksandsra: Wir wollten in ein Ausbildungsprogramm in der Schweiz einsteigen, weil wir uns ein Leben ohne Ausbildung nicht vorstellen konnten. Hier musst du Deutsch kennen, deswegen haben wir uns dafür entschieden: Wir machen ein EFZ.
Euer Ziel war die Integrationsvorlehre. Wie seid ihr vorgegangen, um eine Stelle zu finden?
Oleksandsra: Wir haben im Internet danach recherchiert, auch auf gateway.one, yousty.ch oder berufsbildung.ch. Dort haben wir nach Lehren geschaut (INVOL gibt es dort nicht). Für eine KV-Lehre habe ich hunderte von Anbietern gefunden, etwa 150 habe ich dann angeschrieben. Auf vier meiner Bewerbungen habe ich eine Antwort erhalten, zwei aus dem Immobilien-, eine aus dem Treuhandbereich und eine weitere im Rechnungswesen. Die letzte habe ich dann angenommen. Mein Betrieb kannte die INVOL gar nicht, sie haben aber gesagt: Du bist cool und haben das für mich organisiert.
Yevhen: Schon als Kind habe ich mit Photoshop Bilder bearbeitet, später einfache Video produziert – ich bin halt ein ‘Techi’. Ich habe mich informiert über das Ausbildungssystem. Ich habe dann im Internet nach Firmen, die Webdesign/Mediamatik anbieten, recherchiert und mehr als 100 Bewerbungen geschrieben. Von 10, 15 habe ich eine Absage erhalten, von vielen habe ich gar nichts gehört – nur eine kleine Firma, die von meinem jetzigen Chef, hat mir geantwortet. Ich dachte wirklich, dass das mit dem Internet und Google funktioniert.

Habt ihr geschnuppert? Was ist der Vorteil von Schnuppern?
Oleksandra: Ja, und es war sehr wichtig; ich habe einmal in der Immobilienbranche geschnuppert, aber die Stimmung im Betrieb, der Team-Spirit, hat mir nicht gefallen. Daher habe ich noch in einem anderen Betrieb, wo ich jetzt arbeite, geschnuppert, und mich erst dann für eine Stelle entschieden. Für mich ist ein gutes Team wichtig, die Ausbildung dauert ja vier Jahre.
Yevhen: Ich habe nicht geschnuppert, ich hatte nur ein Vorstellungsgespräch. Danach sagte mir mein jetziger Chef, er würde sich das überlegen und sich bei mir melden – doch dann geschah einfach nichts. Daher habe ich ihm nach einem Monat nochmals geschrieben – und dann hat es geklappt! Wenn du dich direkt an eine Firma wendest, kannst du die ganze Konkurrenz durch andere Bewerber umgehen!
Was empfiehlt ihr den Teilnehmenden, wenn sie in einem Betrieb schnuppern?
Yevhen: Ich bin zwar kein Profi, weil ich ja nicht geschnuppert habe, aber ich denke, du musst zeigen, dass du Potenzial hast und motiviert bist. Du musst die Leute von dir überzeugen.
Oleksandra: Ich habe mich beim Schnuppern engagiert und mich interessiert gezeigt. Wenn ich mit einer Aufgabe fertig war, habe ich gefragt, was ich noch tun könnte. Das hat der Berufsbildnerin gefallen. So habe ich ihr gezeigt, dass ich bereit bin für die Stelle.
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«Du musst dich zuerst selbst informieren, welche Ausbildungen es überhaupt gibt und welche Wege du gehen kannst.»
Welche Vorteile hat es, eine INVOL zu machen?
Oleksandra: Die Vorlehre sieht so aus wie die Lehre selbst. Wir haben dreieinhalb Tage im Betrieb gearbeitet und waren eineinhalb Tage in der Schule. Dort haben wir viele Schweizerinnen und Schweizer kennengelernt, die den gleichen Beruf lernen wie wir – du bist also schon drin in der Ausbildung. Und wir konnten mit ihnen viel Deutsch sprechen!
Yevhen: Mit der Vorlehre haben wir auch das Deutschniveau erreicht, das wir für das EFZ benötigt haben. Es ist andres als in ‘normalen’ Deutschkursen. In der Berufsschule musste ich Fachbegriffe lernen, präsentieren ... Wir haben Bücher gelesen, im ABU viel über die Gesellschaft gesprochen, über Fair Trade ... solche Sachen.
Was empfehlt ihr den Teilnehmenden der Kurse, wenn sie sich für eine INVOL-Stelle bewerben?
Oleksandra: Für mich war es sehr stressig, weil ich Angst hatte, keine Stelle zu finden, aber ich hatte einen Plan ‘B’: Wenn es mit meinem Wunschberuf nicht klappen sollte, hätte ich weitergesucht und gehofft, eine Stelle für einen anderen Beruf zu finden. Ich rate auch, sich aufs Schnuppern vorzubereiten und motiviert zu sein.
Yevhen: Wenn ihr mir vorstelle, ich hätte mich nicht direkt bei der Firma beworben und nicht nachgefragt – dann hätte ich jetzt keine Stelle in meinen Traumberuf, Interactive Media Designer. Ich habe mich informiert und recherchiert und habe dann direkt an die Firma geschrieben. So konnte ich mein Engagement und meine Motivation zeigen.
Vielen Dank für das Gespräch und die sehr hilfreichen Auskünfte und Informationen. Euch beiden alles Gute und viel Erfolg bei eurer EFZ-Ausbildung.
Ihre Ansprechperson

