Im Juni beschloss der Bundesrat, das Massnahmenpaket zur Stärkung der höheren Berufsbildung per 1. Oktober 2026 in Kraft zu setzen. Dazu gehören die Titelzusätze «Professional Bachelor» und «Professional Master». Doch machen diese Zusätze die höhere Berufsbildung sichtbarer und wettbewerbsfähiger – oder verwischen sie die Grenze zur akademischen Bildung? Dr. Stephan Berndt, Rektor der EB Zürich, nimmt Stellung.
Ich kenne beide Bildungswege aus eigener Erfahrung: Nach meiner kaufmännischen Lehre absolvierte ich den Bildungsgang «Buchhalter mit eidg. Fachausweis». Anschliessend schloss ich einen «Bachelor of Science in Wirtschaftsrecht» an einer Fachhochschule ab. Aus dieser Doppelperspektive weiss ich: Berufliche und akademische Bildung sind nicht dasselbe.
Unterschiedliche Schwerpunkte und Ziele
Während meiner Weiterbildung zum «Buchhalter mit eidg. Fachausweis» erwarb ich fundiertes Praxiswissen, das ich sofort im Berufsalltag anwenden konnte. Für die praktische Arbeit im Bereich Rechnungswesen war ich damit bestens qualifiziert – auch wenn mein Weg ein anderer war als der einer Person mit Wirtschaftsstudium.
Die Fachhochschule eröffnete mir eine breitere Perspektive. Ich lernte über mein eigentliches Fachgebiet hinaus – zum Beispiel Französisch für Juristen, mit dem Ziel, französischsprachige Bundesgerichtsentscheide verstehen zu können.
Auch der zeitliche Aufwand unterschied sich: Für den eidgenössischen Fachausweis besuchte ich fünfzehn Monate lang an zwei Abenden pro Woche den Unterricht. Das berufsbegleitende Studium an der Fachhochschule dauerte vier Jahre und beanspruchte einen Tag und drei Abende pro Woche.
Gleichwertig bedeutet nicht gleichartig
Beide Bildungswege waren anspruchsvoll, aber unterschiedlich ausgerichtet. Warum also dieselben Begriffe «Bachelor» und «Master» verwenden? Skepsis ist verständlich: Wer diese Titel hört, denkt zunächst an Hochschulen. Doch eine Akademisierung der höheren Berufsbildung ist nicht das Ziel.
Der Nationale Qualifikationsrahmen (NQR) Berufsbildung ordnet die Abschlüsse der Berufsbildung nach ihrem Anforderungsniveau ein und macht sie über den Europäischen Qualifikationsrahmen (EQR) international vergleichbar. Dabei geht es um die Vergleichbarkeit des Anforderungsniveaus – nicht um eine Gleichsetzung von beruflichen und akademischen Abschlüssen hinsichtlich Inhalt, Ausrichtung oder Kompetenzen.
Die neuen Bezeichnungen verändern den Charakter der höheren Berufsbildung nicht. Sie sollen den Wert dieser Abschlüsse verständlicher machen, besonders im internationalen Umfeld. Personalverantwortliche aus Frankfurt, London oder Singapur, die das Schweizer Bildungssystem nicht kennen, können die Qualifikationsstufe besser einordnen, weil ihnen die Begriffe vertraut sind.
Mehr Anerkennung für die Berufsbildung
Die Umsetzung halte ich für sinnvoll. «Professional Bachelor / Master» sind keine eigenständigen Titel, sondern stehen als Ergänzungen hinter dem eidgenössischen Abschluss. Beispiele: «Fachmann im Finanz- und Rechnungswesen mit eidg. Fachausweis, Professional Bachelor» oder «Eidg. dipl. Marketingleiterin, Professional Master». So bleibt klar, woher die Qualifikation stammt. Das ist wichtig, weil eben beide Bildungswege ihre eigenen Stärken haben.
«Professional Bachelor» und «Professional Master» sind keine Hochschulabschlüsse, stehen aber für anspruchsvolle, praxisorientierte Qualifikationen auf Tertiärstufe. Sie stützen einen Bildungsweg, der die Schweizer Wirtschaft seit Jahrzehnten mit qualifizierten Fach- und Führungskräften versorgt. Rund zwei Drittel der Jugendlichen in der Schweiz entscheiden sich im Anschluss an die obligatorische Schulzeit für eine berufliche Grundbildung. Jährlich erwerben zudem rund 27’500 Personen einen Abschluss der höheren Berufsbildung. *
Die Titelzusätze schaffen Transparenz, ohne die Eigenständigkeit der beiden Wege zu verwischen. Es geht nicht darum, akademische und berufliche Bildung gegeneinander auszuspielen. Menschen sind verschieden und brauchen unterschiedliche Bildungswege. Diese zu ermöglichen und gleichwertig anzuerkennen, gehört zu den grössten Stärken unseres Bildungssystems.
* Quelle: Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI), Berufsbildung in der Schweiz – Fakten und Zahlen 2025; SBFI, Höhere Berufsbildung
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