Lisa Heeb ist Laufbahnberaterin und führt an der EB Zürich für «START! Berufsbildung» Aufnahmegespräche mit Migrantinnen und Migranten durch. Sie zeigt ihnen Wege in die Schweizer Berufsbildung und betont dabei die Wichtigkeit von realistischen Erwartungen. Sie erzählt auch von ihrem persönlichen Lernprozess und den positiven Erfahrungen bei ihrer Arbeit.
«Für das Programm ‹START! Berufsbildung› führe ich die Aufnahmegespräche durch: mit Migrantinnen und Migranten mit Flüchtlings- oder Schutzstatus oder mit jungen Erwachsenen, die im Rahmen eines Familiennachzugs in die Schweiz gekommen sind. Von ‹START! Berufsbildung› erfahren sie meist vom Sozialdienst ihrer Gemeinde, vom biz oder von Organisationen, die im Flüchtlingsbereich tätig sind.
Wir sprechen – teils auf Deutsch, teils auf Englisch, Französisch oder mithilfe von Google Translate – über ihre Bildungsbiografien und so lerne ich auch ihre Pläne und ihre Erwartungen kennen. Nach diesem Gespräch klärt Fachleiterin Noëmi Roos den Lernstand der Migrierenden in Deutsch und Mathematik ab. So haben wir eine gute Entscheidungsgrundlage darüber, ob das START!-Programm passend ist.
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«Matchentscheidend für die Zukunftspläne der Migrierenden sind ihre Deutschkenntnisse.»
Bildungssystem und Ziele
Das Schweizer Bildungssystem ist vielen meiner Gesprächspartner/-innen nicht bekannt, deshalb lege ich das Hauptgewicht bei den Erläuterungen auf dieses Thema. Ich erkläre den Aufbau der Berufsbildung mit Schwerpunkt Integrationsvorlehre, die ein realistisches Ziel im Anschluss an das START!-Programm ist. Bilder helfen bei sprachlichen Hürden, die Tätigkeiten der entsprechenden Berufe zu zeigen. Es ist mir wichtig, den jungen Erwachsenen realistische Wege ins Berufsleben aufzuzeigen.
Matchentscheidend für deren Zukunftspläne sind die Deutschkenntnisse. Mit ‹START! Berufsbildung› können sie Deutsch lernen, in der Schweiz ankommen und neue Kontakte knüpfen. Die Situation ist für die Jugendlichen zuerst nicht einfach: Die Eltern haben vielleicht nur die vielen Möglichkeiten für ihre Kinder in der Schweiz gesehen, aber nicht bedacht, was es für diese heisst, ihre Freunde in der Heimat zurückzulassen, eine neue Sprache lernen zu müssen und ihre Berufswünsche der neuen Realität anzupassen.

(Un-)realistische Erwartungen
Je nach Bildungshintergrund bringen die Kandidatinnen und Kandidaten von ‹START!› sehr unterschiedliche Erwartungen mit. Die Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist für die Jugendlichen im ersten Moment oft frustrierend, denn für viele ist ein Studium der ‹normale› Bildungsweg. Ich versuche, im Laufe des Aufnahmegesprächs die Chancen unserer Berufsbildung und unseres durchlässigen Bildungssystems aufzuzeigen – ‹START! Berufsbildung› sowie die anschliessende Integrationsvorlehre sind die ersten Schritte. Es ist wichtig, dass die Teilnehmenden ein möglichst klares Bild haben, was sie von ‹START!› erwarten können und welchen Beitrag sie selber leisten müssen. Auch ist es hilfreich, wenn Eltern beim Gespräch dabei sind und denselben Wissensstand haben, denn ihre Unterstützung ist entscheidend. Spätere Kursabbrüche oder Probleme im Kurs sind für alle – Teilnehmende und Lehrpersonen – demotivierend. Wir wollen diejenigen aufnehmen, die vom Programm überzeugt sind.
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«Die Eltern haben vielleicht nur die vielen Möglichkeiten für ihre Kinder in der Schweiz gesehen.»
Mein eigener Lernprozess
Zu Beginn meiner Tätigkeit war ich in den Aufnahmegesprächen offener gegenüber allen möglichen Berufs- und Ausbildungswünschen. Inzwischen lege ich den Fokus auf die Integrationsvorlehre und die Berufsbildung, die in der Schweiz viele Möglichkeiten eröffnen. Manchmal desillusioniere ich vielleicht die Interessierten am Anfang, baue sie dann aber wieder auf. Denn: ‹START! Berufsbildung› ist eine Startrampe für ihren weiteren Bildungsweg. Diesen versuche ich ihnen aufzuzeigen, manchmal bis zu einem Medizin- oder einem Ingenieurstudium. Ein solches ist nicht unrealistisch, auch wenn der Weg sehr lang ist. Und ja, der erste Schritt ins Berufsleben kann oft nicht im Traumberuf erfolgen. Dennoch ist er eine grosse Chance, eine qualitativ hochstehende berufliche Ausbildung zu erhalten und sich damit verschiedene Möglichkeiten für spätere Weiterbildungen zu erschliessen.
Es ist schön, mit Menschen aus allen möglichen Kulturen zusammenzuarbeiten. Ihre Geschichten stimmen mich oft sehr nachdenklich und ich habe grossen Respekt, wie sich die jungen Teilnehmenden der Situation stellen und sich auf das neue Leben einlassen. Auch schätze ich die Zusammenarbeit mit den Lehrpersonen, die mit ihrem Engagement und ihrer Leidenschaft den Jugendlichen ein Sprungbrett in die Arbeitswelt bieten. Der Erfolg meiner Arbeit zeigt sich in den Anschlusslösungen: Wenn sich jemand auf einen realistischen Plan einlässt, auch wenn dies manchmal länger dauert als gedacht, und dabei von seinen Eltern unterstützt wird – dann haben wir schon viel erreicht.»
aufgezeichnet von Jürgen Deininger
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Lisa Heeb ist seit fast 30 Jahren in verschiedenen Funktionen in der Bildungsbranche tätig. Sie bildete sich während dieser Zeit laufend weiter und schloss 2024 den «MAS Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung» ab. Dank ihrer Arbeit als Berufs- und Laufbahnberaterin im biz Urdorf, kennt sie die aktuellen Anforderungen des Arbeitsmarktes und kann junge Migrantinnen und Migranten im Programm «START! Berufsbildung» zielführend beraten und begleiten
