Christian Flury hat den Informatik-Kursbereich der EB Zürich mitaufgebaut und über vier Jahrzehnte geprägt. Im Gespräch blickt er zurück auf die Anfänge der PC-Ära – und auf die wegweisende Rolle, welche die Stadt und später der Kanton Zürich in der beruflichen Weiterbildung spielte.
Du bist seit 40 Jahren in der IT-Welt zu Hause. Was fasziniert Dich daran?
Die ersten Schritte machte ich im Gymnasium mit programmierbaren Tischrechnern. Als ich später Germanistik studierte, experimentierte man erstmals mit Computerlinguistik – das zog mich endgültig in den Bann. Ich beschloss, Informatik im Nebenfach zu studieren – im Hauptfach gab es das in der Schweiz noch nicht. Nach dem Studium gründete ich zusammen mit einem Kollegen ein Startup, das Sprache und IT verband. Unser Hauptprodukt war eine Software, mit der man zweisprachige Wörterbücher erstellen konnte. Diese kam – noch bis vor ein paar Jahren – bei der Produktion aller grünen PONS-Wörterbücher zum Einsatz.
In den folgenden Jahren hast Du Dich auf Netzwerktechnik spezialisiert.
Als in der Schweiz die ersten PC-Netzwerke aufkamen, verlagerte ich meinen Fokus. Für eine IT-Firma baute ich eine Netzwerkabteilung auf und wir realisierten bei Roche das erste internationale PC-basierte Netzwerk. Später gründete ich mit einem Partner erneut eine Firma, diesmal im Bereich Netzwerktechnik.
Welcher Weg führte Dich an die EB Zürich?
1983 entdeckte ich an der Uni einen Aushang. Ein Startup suchte Dozenten für Informatik und vermittelte mich an die städtische Berufsschule IV – daraus entstand später die EB Zürich. Während des Studiums war das Unterrichten ein «Brotjob», über die Jahre wurde es zur Herzensangelegenheit. Deshalb habe ich auch während meiner Selbständigkeit immer mindestens einen Kurs gegeben.
Du hast also die Urzeit der EB Zürich miterlebt. Wie sah der Weiterbildungsmarkt damals aus?
Die berufliche Weiterbildung steckte noch in den Kinderschuhen: Früher lernte man einen Beruf und übte ihn ein Leben lang aus. In den 1970er-Jahren realisierte die Gesellschaft, dass die technologischen Entwicklungen viele Berufe veränderten und neues Wissen erforderten. Die Stadt Zürich übernahm mit der Berufsschule IV eine Pionierrolle: Sie bot ihren Einwohnern niederschwellige, kostengünstige Weiterbildungen an. Später führte die EB Zürich – damals noch «EB Wolfbach» genannt und inzwischen in kantonaler Trägerschaft – diesen Ansatz fort und reagierte früh auf gesellschaftliche Veränderungen, etwa mit Wiedereinstiegskursen für Frauen nach der Familienphase. Erst im Laufe der Zeit entdeckten private Anbieter Weiterbildung als ein Geschäftsmodell.

Die EB Zürich bot früh Informatikkurse an. Wie war die Resonanz?
Damals tauchten die ersten PCs auf – zuvor gab es nur Grosssysteme, die sich wenige Firmen leisten konnten. Auf einmal kamen viele Menschen mit Computern in Kontakt. Wir erweiterten unser Programm um zahlreiche Computerkurse auf PCs. Diese waren stets schnell ausgebucht. Wir waren die Ersten mit eigenen PCs im Kursraum – andere Schulen boten nur Theorie an. Anfangs lief alles rein textbasiert; Mac und Windows führten erst später grafische Benutzeroberflächen ein.
Ein Meilenstein war der Bildungsgang «WebPublisher», den Du aufgebaut hast. Wie entstand die Idee?
1991 startete das World Wide Web, wie wir es heute kennen. Plötzlich konnte jeder das Internet nutzen. Firmen erkannten schnell das Potenzial der neuen Reichweite. Viele Leute fragten mich, ob wir dazu Kurse anbieten könnten. Uns war wichtig, ein Gesamtpaket zu schaffen – von der Gestaltung über das Hosting einer Website bis zur Datenspeicherung. Provider, die alles aus einer Hand boten, gab es damals nicht. 1996 lancierten wir den «WebPublisher» – ein voller Erfolg. Dieser Bildungsgang blieb lange marktführend, und der Abschluss hatte Gewicht auf dem Arbeitsmarkt. Das Volumen an Informatikkursen an der EB Zürich nahm bis etwa 2008 stark zu.
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«Es ist ein verrücktes Gefühl, wenn du merkst: Deine Idee funktioniert, sie geht auf.»
2019 hast Du am Aufbau des Digital Learning Hub Sek II (DLH) mitgewirkt. Der Start war vielversprechend – dann kam Corona. Wie prägte das die Entwicklung?
Die Idee kam von der Kantonalen Maturitätsschule für Erwachsene (KME). Gemeinsam mit der EB Zürich gründete sie den DLH, um digital affine Lehrpersonen von Berufs- und Mittelschulen zu vernetzen und Projekte für digital gestütztes Lernen zu starten. Der erste Vernetzungsevent war ein voller Erfolg: Der Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt, zahlreiche Interessierte mussten wir abweisen. Die Stimmung war elektrisierend. Alle wollten etwas bewegen. Diese spürbare Energie – ein massenpsychologisches Phänomen – hat mich tief beeindruckt. Unmittelbar darauf kam der Lockdown: Statt neuer Projekte mussten wir Fernunterricht organisieren. Das Bewusstsein für Digitalisierung erlebte einen gewaltigen Schub – davon profitierte auch der DLH, der heute rund 2000 Mitglieder zählt.
Du gehst bald in Pension. Wenn Du auf all die Jahre an der EB Zürich zurückblickst: Was bleibt Dir besonders in Erinnerung?
Der Teamgeist; ich war immer ein Teamplayer. Hier konnte ich gestalten und gleichzeitig auf die Unterstützung des Teams zählen – das hat mir besonders gefallen. Und natürlich der Erfolg des «WebPublishers». Wir hatten gehofft, dass er gut läuft, aber dass uns die Leute die Türen einrennen, hätten wir nie gedacht. Es ist ein verrücktes Gefühl, wenn du merkst: Deine Idee funktioniert, sie geht auf.
Wie siehst Du die Zukunft der Weiterbildung?
Lehrpersonen werden weniger Wissen vermitteln, sondern Menschen dazu befähigen, sich selbst zu organisieren – quasi auf einer Metaebene. Die individuelle Betreuung wird immer wichtiger; es werden nicht mehr zwei Personen dasselbe Curriculum durchlaufen. Natürlich wird auch die Künstliche Intelligenz das Lernen prägen. Übrigens eine vorhersehbare Entwicklung: Viele KI-Prinzipien entstanden bereits, als ich noch Student war. Damals fehlte es jedoch schlicht an Rechenleistung, um sie voranzubringen.
