Die Eritreerin Ruth A. hat nach ihrer Flucht in die Schweiz viele Jahre im Gastrobereich gearbeitet und musste sich in der Corona-Zeit neu orientieren. Von ihren Schweizer Kolleginnen erfuhr sie von der Möglichkeit, den Berufsabschluss nachzuholen. Das Hindernis Deutschzertifikat konnte sie mit einem Sprachtest und Deutschkursen erfolgreich überwinden.
«Wegen des äthiopisch-eritreischen Krieges musste ich meine Heimat verlassen und floh zu meiner Mutter nach Riad (Saudi-Arabien), die in diesem Land Arbeit gefunden hatte. Dort konnte ich keine Ausbildung machen oder etwas studieren und jobbte zwei Jahre in einer englischen Familie als Babysitterin. Die Situation in Riad war nicht einfach und ich habe schlimme Dinge erlebt – zum Glück ist mir selbst nichts passiert –, aber ich versuchte, irgendwie Geld für eine Flucht nach Europa zusammenzubekommen.
Nach meiner Ankunft in Zürich 2002 habe ich einen Deutschkurs an der Klubschule Migros besucht – die 700 Franken dafür habe ich selbst bezahlt. Aber richtig Deutsch habe ich nicht in Kursen, sondern bei der Arbeit und mit meinen vielen Kolleginnen und Kollegen gelernt. Von Anfang an war mir klar, dass ich Deutsch lernen musste, und habe daher immer viel mit Muttersprachler-/innen geredet. Ich konnte Deutsch, halt ohne Zertifikat.
Corona-Lockdown als Chance
Der Anfang war nicht einfach, auch weil ich keine Ausbildung machen konnte – das war für mich die schlimmste Zeit! Später habe ich lange im Gastrobereich gearbeitet und nur den Mindestlohn erhalten, bis Corona kam und mir gekündigt wurde. An diesem Tag sagte ich mir: ‹Ruth, siehst du, du hast all die Jahre gearbeitet, du hast aber kein Diplom oder einen Abschluss – einfach nichts! Hättest du etwas vorzuweisen, könntest du jetzt etwas anderes machen, als wieder in der Gastronomie zu arbeiten.›

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«Deutsch ist für uns im Alltag sehr wichtig.»
Auf einem Spielplatz lernte ich eine pensionierte Lehrerin kennen, die mich im Gespräch nach meinen Interessen fragte. Ich erzählte ihr, dass ich Mutter bin und Kinder sehr gern habe. Sie riet mir, in einer Schule oder einem Hort zu arbeiten, und half mir, eine geeignete Stelle zu finden. Seit ein paar Jahren arbeite dort teils ich in der Küche, teils betreue ich zusammen mit anderen Mitarbeitenden Kinder und wir machen Pancakes und Waffeln. Ich liebe meine Arbeit und werde im nächsten Jahr die Ausbildung zur Fachangestellten Betreuung EFZ beginnen. Meine Chefin ermuntert mich und unterstützt mich sehr, wenn auch nicht finanziell.
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«Die Kursleiterin hat mir Sicherheit gegeben und irgendwann hat es in meinem Kopf klick gemacht.»
Deutschkurse für den ABU
Vom ABU und der EB Zürich habe ich von Kolleginnen erfahren. Sie meinten, dass es für mich als Migrantin schwierig sein würde, gleichzeitig den ABU und die Ausbildung zu machen; ich sollte zuerst mit dem ABU beginnen. Das war für mich perfekt, auch weil ich über 20 Jahre lang nicht mehr in der Schule gewesen war. Für den ABU waren Deutschkenntnisse von mindestens B1 nötig, doch leider konnte ich diese nicht nachweisen. Ich musste einen Test ablegen. Ergebnis: Mein Niveau reichte noch nicht und ich musste mich mit dem Kurs ‹Lesen und Schreiben› darauf vorbereiten (zusätzlich buchte ich bei der ECAP weitere Deutschkurse). Bis dahin hatte ich richtig Angst, etwas zu schreiben, doch die Kursleiterin sagte mir: ‹Du schaffst das, Ruth! Schreib zwei Sätze, dann korrigiere ich das.› Gross- und Kleinschreiben war nicht so meine Sache. Die Kursleiterin hat mir aber Sicherheit gegeben und irgendwann hat es in meinem Kopf klick gemacht: Ich war parat für den ABU und habe meine Lehrerin schon am ersten Kurstag sehr gut verstanden.
Für den Kurs habe ich mein Pensum im Hort auf 70 Prozent reduziert. Am Dienstag und Freitag gehe ich in die Deutschkurse und am Samstag in den ABU. Um das alles unter einen Hut zu bekommen, bin ich auch auf das Verständnis meines neunjährigen Sohnes angewiesen. Damit ich abends meine Hausaufgaben machen kann, bitte ich ihn, ohne grosse Diskussionen ins Bett zu gehen. Er ist sehr verständnisvoll und möchte mir helfen – und ich will ihm ein gutes Vorbild sein. So organisiert, schaffe ich es sogar, mich auf den Unterricht vorzubereiten und zum Beispiel etwas über Ehe- und Erbrecht zu lesen – und das ganz ohne ChatGPT! Die Vertiefungsarbeit möchte ich über Diabetes schreiben, mir dabei Mühe geben und mich anstrengen, damit die Lehrerin und auch mein Sohn stolz auf mich sind.
PS: Vom Kurs ‹Lesen und Schreiben› war ich so begeistert, dass ich ihn gleich zwei Kolleginnen empfohlen habe.»
aufgezeichnet von Jürgen Deininger
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Die Eltern von Ruth A. (43) verliessen in den 1980-er Jahren Eritrea und zogen zu den Eltern väterlicherseits, die in Äthiopien ein Unternehmen betrieben. Dort kam Ruth auf die Welt. Im Verlauf des Krieges der beiden Nachbarländer wurden sie und ihre Familie 1999 ausgewiesen und mussten in ihr Heimatland zurückkehren. Nach ein paar Jahren bei ihrer Mutter in Riad flüchtete Ruth A. in die Schweiz.
