Wie oft verdienen Lernende eine zweite Chance? Und wann bringt ein neuer Versuch nichts mehr? Rund 20 Vertreterinnen und Vertreter von Zürcher Lehrbetrieben diskutierten diese Fragen am «Morgen-Gipfel» von EB Connect.
Erstmals fand der «Morgen-Gipfel» als Podiumsgespräch statt. Sepp Zgraggen, Ausbildner und Leiter der Berufsbildung bei der Firma Thomann Nutzfahrzeuge AG, und Marc Röthlisberger, Berufsinspektor beim Mittelschul- und Berufsbildungsamt des Kantons Zürich (MBA) beleuchteten das Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Stefan Zwicker, Leiter von EB Connect, moderierte die Diskussion.
Ein früher Beziehungsaufbau zahlt sich aus
Den Einstieg machte die Frage: Wann wird aus einem kleinen Durchhänger eine Krise, und woran lässt sich das erkennen? Oft zeigen sich zunächst kleine Veränderungen: Lernende fehlen häufiger, ihre Leistungen lassen nach oder ihr Verhalten verändert sich. Für Sepp Zgraggen ist deshalb eine gute Beziehung zu den Lernenden und ihrem Umfeld entscheidend. Wer seine Lernenden gut kennt, merkt schneller, wenn etwas nicht stimmt, und kann früh das Gespräch suchen.
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«Wenn man Probleme früh anspricht, lässt sich oft noch viel bewegen.»
Besonders sensibel sei der Start in die Lehre. Der Übergang in die Arbeitswelt bedeutet für Jugendliche eine grosse Umstellung: längere Arbeitstage, weniger Freizeit, ein neues Team. «Es lohnt sich, in der Anfangszeit viel Zeit zu investieren. Was man da versäumt, lässt sich später kaum aufholen.»
Hinter die Symptome schauen
Wenn Lernende «nicht können» oder «nicht wollen», stecken oft tiefere Ursachen dahinter. Überforderung, gesundheitliche oder psychische Belastungen, familiäre Schwierigkeiten, Suchtprobleme oder Konflikte im Team können eine Rolle spielen. Marc Röthlisberger betonte: Berufsbildner/-innen müssen solche Situationen nicht allein bewältigen. Das MBA kann sie unter anderem mit einem Coaching unterstützen. Dieses begleitet Betriebe und Lernende bei Bedarf und ist mit weiteren Fachstellen vernetzt.
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«Wenn die Situation die eigenen Kompetenzen übersteigt, sollte man externe Hilfe holen.»
Zweite Chance – ja oder nein?
Ob ein Lehrverhältnis weitergeführt wird, hängt von vielen Faktoren ab: den Möglichkeiten des Betriebs, der Bereitschaft des Teams und vor allem vom Willen der Lernenden, an sich zu arbeiten.
Je nach Situation können unterschiedliche Lösungen sinnvoll sein – etwa klare Lernziele und Fristen, die Wiederholung eines Lehrjahrs oder eine Abstufung in ein Eidgenössisches Berufsattest (EBA). Wichtig ist laut Marc Röthlisberger, Vereinbarungen schriftlich festzuhalten. Das schafft Klarheit für alle Beteiligten und schützt den Lehrbetrieb, falls es doch zu einer Vertragsauflösung kommt.
Klare Regeln von Anfang an
Die anschliessenden Tischgespräche zeigten: Klare Leitplanken sind unverzichtbar. Schon beim Onboarding sollten Betriebe Regeln kommunizieren und Erwartungen klären. Ein Fragebogen oder eine «Gebrauchsanweisung über mich» kann dabei helfen. Werden Grenzen überschritten – etwa durch Diebstahl oder Betrug – gibt es keine Toleranz und keine Ausnahmen. «Es gibt nicht immer wieder eine Chance, sonst wird man als Ausbildner nicht ernstgenommen», so Sepp Zgraggen.
Das Fazit: Ob Lernende eine zweite Chance erhalten, entscheidet die jeweilige Situation. Der Morgen-Gipfel zeigte jedoch klar: Wer früh hinsieht, das Gespräch sucht und Hilfe organisiert, schafft die besten Voraussetzungen dafür, dass aus einer schwierigen Phase kein Lehrabbruch wird.
Save-the-date: Der nächste Morgen-Gipfel findet am 27. Januar 2027 zum Thema «Talentförderung» statt.
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