Ein Bewerbungsgespräch üben, schwieriges Feedback trainieren oder Präsentationen durchspielen: Künstliche Intelligenz (KI) und Virtual Reality (VR) ermöglichen ein realitätsnahes Training. Drei Methoden stellen wir hier vor.
Softskills wie Kommunikation, Empathie oder Problemlösung sind im Berufsalltag unverzichtbar. Sie entscheiden, ob Teams harmonieren, Kundengespräche überzeugen oder Feedbacks Wirkung zeigen. Doch wie trainiert man diese Fähigkeiten praxisnah? Klassische Rollenspiele stossen oft an Grenzen: Teilnehmende fühlen sich beobachtet und verhalten sich gehemmt. Im Alltag fehlt zudem Zeit für Wiederholungen und Reflexion. KI- und VR-gestützte Trainingsmethoden schaffen hier neue Möglichkeiten.
Grundlage Lernszenario
«Egal, welche Methode man wählt, das Szenario muss klar definiert sein», sagt Digital Learning Experte Christian Hirt. Dazu gehören Rollen, Lernziele und Bewertungskriterien. Als Wissensbasis für die KI können Dokumente hochgeladen werden – vorausgesetzt sie sind vollständig anonymisiert. Ein Beispiel:
Eine Berufsbildnerin führt ein Feedbackgespräch mit einem Lernenden im zweiten Lehrjahr als «Gärtner EFZ». Seit Monaten zeigt er wenig Eigeninitiative, seine Absenzen häufen sich – der Bildungsbericht dokumentiert dies. Die Berufsbildnerin möchte üben, konstruktiv Feedback zu geben, deeskalierend zu reagieren und nächste Schritte zu vereinbaren. Der Lernende bleibt zunächst zurückhaltend, antwortet nur mit «Ich weiss nicht». Nach dem Gespräch möchte die Berufsbildnerin wissen, ob sie alle relevanten Punkte angesprochen, unterstützend reagiert und das Gespräch professionell eröffnet und abgeschlossen hat.
Quote
«Die präzise Definition von Handlungssituation und Lernzielen ist entscheidend – unabhängig von der Methode.»
Drei Methoden im Vergleich
Wie lässt sich ein solches Szenario digital trainieren? Das Digital Learning Team der EB Zürich hat Erfahrungen mit drei Ansätzen gesammelt:
1. KI-gestütztes Rollenspiel mit ChatGPT
ChatGPT bietet einen einfachen Einstieg. Mit einem Plus- oder Pro-Abonnement kann eine spezialisierte KI (Custom GPT) erstellt werden. Das Rollenspiel funktioniert flexibel über Smartphone oder Tablet in der ChatGPT-App (ab GPT-5) im erweiterten Sprachmodus.
Geeignet für
– Selbststudium
– Vorbereitung schwieriger Gespräche
– Unterrichtseinheiten zu Gesprächsführung oder Feedbackkultur
Vorteile
–geringer technischer Aufwand
Nachteile
– kein visuelles Gegenüber, nonverbale Signale fehlen
– Szenarien müssen selbst konzipiert werden
Tipp: Je präziser die Instruktion, desto realistischer das Rollenspiel. Vorabtests mit Kolleginnen und Kollegen helfen bei der Optimierung.
2. Dialog mit einem Avatar auf emerse.ai
Die Software emerse.ai ergänzt textbasierte KI-Rollenspiele um visuelle Avatare («Social Interactive Agents»). Die Gespräche sind in konkrete Szenarien eingebettet. Ein Computer und ein kostenpflichtiges Abonnement genügen.
Geeignet für
– Lernateliers
– Werkstattunterricht
– geführte Trainings mit anschliessender Reflexion
Vorteile
– visuelles Gegenüber
– KI generiert die Szenarien
– einfache technische Umsetzung
– Option, auch die VR-Brille zu nutzen
Nachteile
– auf dem Computer/Tablet weniger immersiv als mit VR
– Einführung nötig, damit Lernende es nicht als Spiel wahrnehmen
Tipp: Besonders geeignet, um gezielt Gesprächskompetenzen zu trainieren und gemeinsam auszuwerten.
3. Immersives Training mit Virtual Speech
Mit Virtual Speech tauchen Lernende per Virtual Reality in realitätsnahe Umgebungen ein. Sie üben Präsentationen, Kundengespräche oder schwierige Dialoge – inklusive Publikumsreaktionen und Umgebungsgeräuschen. Die KI liefert personalisiertes Feedback. Erforderlich sind Computer und VR-Brillen.
Geeignet für
–Werkstattposten
– Trainings in Kleingruppen
– Intensivtrainings für Auftrittskompetenz
Vorteile
– hohe Immersion und hohes Engagement
– Training von Körpersprache und Präsenz
– realitätsnaher Umgang mit Nervosität
– auch für Fremdsprachentrainings geeignet
Nachteile
– technisch anspruchsvoll
– höherer Organisationsaufwand
Tipp: Der Lerngewinn entsteht vor allem durch eine strukturierte Reflexion im Anschluss.
Fazit: Digitale Tools wirken, wenn sie richtig eingesetzt sind
«Den Lerneffekt dieser Tools beurteile ich als hoch», sagt Christian Hirt. Lernende üben aktiv, wiederholen Gesprächssituationen beliebig oft und testen verschiedene Strategien. Anschliessend erhalten sie qualifiziertes Feedback, das den Lernprozess unterstützt. Auch zur Vorbereitung auf Prüfungen oder Bewerbungen eignen sich die Methoden. Entscheidend bleibt jedoch die pädagogische Steuerung: «Digitale Methoden wirken nur, wenn sie didaktisch sinnvoll eingebettet sind.»
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