Weit verbreitet und oft unerkannt: fehlende Grundkompetenzen

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28. September 2020 / Redaktion

Jede elfte Person im Kanton Zürich bekundet Mühe beim Lesen und Schreiben sowie bei der mündlichen Ausdrucksfähigkeit. Auch bei Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) oder Mathematik tun sie sich schwer. Wer sind diese Personen, die in den nächsten vier Jahren mit 14.8 Millionen Franken gefördert werden sollen und u.a. in Kursen an der EB Zürich Unterstützung finden?

Illettrismus

Auf den ersten Blick scheint das Problem Grundkompetenzen nicht zu existieren, da es öffentlich nicht sichtbar ist. Jedoch: Laut Zahlen des Kantons Zürich sind ca. 140'000 Erwachsene vom Problem mangelnder Grundkompetenzen betroffen. Das entspricht etwa 9% der Bevölkerung. Doch was versteht man darunter und auf welche Fähigkeiten beziehen sie sich? Zu den Grundkompetenzen gehören:

  • Lesen und Schreiben sowie die Fähigkeit, sich mündlich auszudrücken
  • Grundkenntnisse in Mathematik
  • die Anwendung von Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT)
  • sowie transversale Kompetenzen wie komplexes Problemlösen, Selbstorganisation, Sozialkompetenz

Diese Fähigkeiten dienen Erwachsenen dazu, ihren privaten und beruflichen Alltag selbständig zu meistern und am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Der Regierungsrat des Kantons Zürich beantragte beim Kantonsrat vor kurzem 14.8 Mio. Franken. Mit diesen Geldern sollen zwischen 2021 bis 2024 Erwachsene gezielt gefördert und befähigt werden, in eine Weiterbildung einzusteigen und z.B. einen Sekundar- oder Berufsabschluss nachzuholen.

Gesetzlicher Rahmen und Fördermassnahmen

Gemeinsam mit dem Bund setzen sich die Kantone für die Förderung der Grundkompetenzen ein, was im neuen Bundesgesetz über die Weiterbildung (WeBiG) vom Juni 2014 gesetzlich festgelegt wurde. Die Koordinationsstelle «Grundkompetenzen» informiert auf ihrer Website ausführlich über die Problematik sowie über umfangreiche Beratungsangebote z.B. des biz oerlikon. Neben Beratungen finden Betroffene dort auch Hinweise zu Kursen, Schreibdiensten oder Lernstuben, wie sie z.B. die WBK Dübendorf anbieten. Ab Januar wird auch die Caritas Zürich, zusammen mit der EB Zürich, eine Lernstube eröffnen.

Blanka und Mario, zwei (fiktive) Betroffene

Blanka ist Ende 50, verheiratet, hat einen erwachsenen Sohn und ist mittlerweile Schweizerin; vor 33 Jahren verliess sie Kroatien, wo sie direkt nach der Schule im Gastgewerbe zu arbeiten begann. Auch in ihren neuen Heimat Schweiz war sie immer im Gastrobereich tätig. Deutsch beherrscht sie soweit perfekt für ihre Arbeit hinter dem Buffet oder im Service. Ihre Arbeitsumgebung hat sich in den letzten Jahren deutlich verjüngt. Bestellungen werden u.a. über ein Smartphone eingegeben, über Computer läuft neu die gesamte Betriebsorganisation. Diese technischen und organisatorischen Veränderungen machen ihr zu schaffen. Sie überlegt sich deshalb, eine andere Stelle zu suchen. Aber auch das ganze Bewerbungsprozedere hat sich in den letzten Jahren sehr verändert: Blanka muss sich jetzt online bewerben. Sie besitzt aber keinen Computer, ist nicht tastaturgewohnt und sehr verunsichert, wie es jetzt weitergehen soll.

Mario, 35 Jahre alt, hat die obligatorische Schulzeit in der Schweiz durchlaufen. In den zu grossen Klassen haben aber keine seinen Bedürfnisse angemessene Förderung erhalten. Anschliessend hat er zwei Lehren abgebrochen, auch wegen der für ihn zu hohen schulischen Anforderungen. Jahre später ist sein privates Umfeld stabil, er arbeitet und möchte eine Lehre absolvieren. Dazu fehlen ihm jedoch bessere Kenntnisse in Mathematik und Deutsch sowie Techniken, längere, komplexere Texte zu lesen und verstehen zu können. Als typischer «Schulversager» fehlen ihm positive Lernerfolge, die sein Selbstvertrauen stärken würden. Als ‘Digital Native’ hat er zumindest mit IKT keine grösseren Probleme, traut sich aber nicht, selbst E-Mails zu schreiben oder sich im Internet Hilfe zu suchen.

Für ihre Anliegen finden Blanka und Mario Unterstützung bei kantonalen Stellen wie den oben erwähnten Lernstuben in Gemeinschaftszentren in der Stadt Zürich und in weiteren Gemeinden und Städten im Kanton Zürich oder in Kursen verschiedener Anbieter.

Neue Kurse bieten Unterstützung

Schon in den 1980-er Jahren bot die EB Zürich Computerkurse für jedermann an und reagierte damals auf Schwierigkeiten, die Erwachsene mit dem Aufkommen von PCs bekundeten. Der «Basiskurs Grundkompetenzen» sieht sich in dieser langjährigen Tradition und vermittelt Kenntnisse in Lesen und Schreiben, Rechnen sowie Informations- und Kommunikationstechnologie. Besonders wichtig bei diesem Kurs ist, dass Teilnehmende in ihrem eigenen Lerntempo unterwegs sind und sich für weitere Bildungsangebote fit machen können.

Weitere Kurse wie «Sich gut informieren», «Schreiben nach Mass» oder «Richtig kommunizieren» unterstützen Erwachsene wie Blanka und Mario dabei, sich gezielt im Internet zu informieren, Bewerbungen zu schreiben oder unterschiedliche Kommunikationsmittel einzusetzen. Mit den eingangs erwähnten Fördergeldern unterstützt das Mittelschul- und Berufsbildungsamt des Kantons Zürich Kursteilnehmende, die im Kanton Zürich wohnen, und bezahlt ihnen einen grossen Teil des Kursgeldes.

Autor: Jürgen Deininger