Sven Kohler: Die EB Zürich richtet sich neu aus!

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4. November 2019 / Redaktion

Die EB Zürich wandelt sich von der Kursanbieterin von Weiterbildung zur Dienstleisterin für die Berufsbildung. Rektor Sven Kohler erläutert, wie und warum der Umbau erfolgt.

Start! Berufsbildung

Was ist der Grund für die Neuausrichtung der EB Zürich?

Es gibt mehrere Gründe. Einerseits steht die Berufsbildung vor grossen Herausforderungen, sich den radikalen Änderungen in Arbeitsmarkt und Gesellschaft anzupassen. Es gilt, adäquate Antworten auf Megatrends wie die Digitalisierung und zunehmende berufliche Mobilität und Flexibilität zu finden. Kurz: Die Arbeitswelt 4.0 braucht eine Berufsbildung 4.0!

Andererseits haben sich für uns als kantonale Berufsfachschule die Rahmenbedingungen mit dem Weiterbildungsgesetz so verändert, dass wir in Kombination mit den kantonalen Vorgaben in unserem angestammten Kerngeschäft des Kurswesens nicht mehr wettbewerbsfähig sind. Der digitale Wandel verändert nicht zuletzt auch die Weiterbildung selbst. Wir gehen von einer vermehrten Verlagerung letzterer in die Betriebe, wo ganze Lern-Ökosysteme entstehen, aus.

Wie sieht die neue Strategie nun konkret aus?

Wir werden uns auf Nischen in der Berufsbildung konzentrieren und diese durch vier neue Geschäftsfelder erschliessen (siehe unten). Diese sind mit zentralen bildungspolitischen Zielen und der verbundpartnerschaftlichen Initiative Berufsbildung 2030 abgestimmt. Dabei stehen Entwicklungen im Vordergrund wie bspw. im digitalen Bereich mit dem «Digital Learning Hub», welchen wir im Auftrag des Kantons entwickeln.

«Wir werden uns auf Nischen in der Berufsbildung konzentrieren und diese durch vier neue Geschäftsfelder erschliessen.»

In einem weiteren Feld widmen wir uns im Zusammenhang mit dem Fachkräftemangel der Optimierung des vorhandenen Arbeitspotenzials; hier stehen Integration, Nachholbildung und Umschulungen im Mittelpunkt. Dann werden wir Angebote im Bereich der Grundkompetenzen als Voraussetzungen für das lebenslange Lernen schaffen. Nicht zuletzt werden wir uns weiterhin in der Ausbildung der Berufsbildungsverantwortlichen und der Vernetzung der drei Lernorte engagieren.

Was bedeutet das in Bezug auf die Kundschaft?

Gerade bei Entwicklungsprojekten rücken Betriebe, Organisationen der Arbeitswelt aber auch Berufsfachschulen als Kunden in den Vordergrund (sog. «Business to Business»). Selbstverständlich werden wir auch im Rahmen solcher Projekte weiterhin ausbilden und unterrichten, so wie dies eine Schule tut.

Zudem werden wir vermehrt Kooperationen eingehen: Wir wollen intensiv mit anderen Schulen, Ämtern, Betrieben etc. zusammenarbeiten, um bestmögliche Resultate zu erzielen. Die Zeiten singulärer Leistungen von Unternehmen, auch Schulen, sind definitiv vorbei. Nicht mehr Teil der neuen Strategie ist das Kurswesen in der Weiterbildung, aus welchem wir uns grossmehrheitlich zurückziehen werden.

«Die Innovationskraft war schon immer eine Stärke der EB Zürich. Bei der Agilität und Kundenorientierung können und müssen wir uns noch stark verbessern.»

Wie erfolgt der Rückzug aus dem Kurswesen?

Der Rückzug aus dem Kurswesen erfolgt geordnet über die nächsten eineinhalb Jahre mit einem letzten Programm. Kurse und Lehrgänge werden bis dahin weiter angeboten und können ordnungsgemäss abgeschlossen werden.

Das heisst, es wird auch zu einem Stellenabbau kommen?

Das ist richtig. Der Rückzug aus dem Kurswesen geht mit einem Stellenabbau einher. Ein Sozialplan befindet sich in Vorbereitung und wird vom Amt zusammen mit den Sozialpartnern erarbeitet.

Wer war in die Strategieentwicklung involviert, und wie lief der Prozess ab?

Die EB Zürich war im Lead und hat die Neuausrichtung inhaltlich erarbeitet. Das Mittelschul- und Berufsbildungsamt (MBA) hat den Prozess eng begleitet und war gleichzeitig mit dem Amtschef im Steuerungsausschuss vertreten, zusammen mit Mitgliedern der Schulkommission. Die Bildungsdirektion hat sodann den finalen Businessplan verabschiedet.

«Die Arbeitswelt 4.0 braucht eine Berufsbildung 4.0.»

Wo sehen Sie die organisatorischen Anforderungen an die EB Zürich, damit die neue Strategie erfolgreich umgesetzt werden kann?

An erster Stelle steht sicher die Innovationsfähigkeit. Wir müssen die Kreativität und die interdisziplinäre Zusammenarbeit an der EB Zürich und darüber hinaus fördern. Bspw. haben wir hierfür neu Co-Working Spaces geschaffen. Wir müssen uns aber auch intensiv mit Kreativitätstechniken, Design Thinking etc. auseinandersetzen. Zweitens müssen wir unsere Organisation agil und flexibel gestalten.

Das bedeutet, dass wir nicht in Hierarchien denken, sondern Mitarbeitende und Teams, die gestalten, möglichst optimal unterstützen, beispielsweise durch dezentrale Entscheidungsmöglichkeiten. Drittens benötigen wir eine ausgeprägte Kundenorientierung. Wir müssen genau verstehen, was die Bedürfnisse unserer Kunden sind und diese direkt in Entwicklungsprozesse miteinbeziehen.

Die Innovationskraft war schon immer eine Stärke der EB Zürich. Bei der Agilität und der Kundenorientierung können und müssen wir uns noch stark verbessern.

Sie sind nun seit einem Jahr als Rektor im Amt. Eine erste Bilanz?

Es stimmt mich sehr positiv, wie wir in guter Abstimmung mit den Entscheidungsträgern – der Bildungsdirektion, dem MBA, der Schulkommission – die Neuausrichtung vollziehen konnten. Ich freue mich auch ganz persönlich über das grosse Commitment und Engagement vieler Mitarbeitenden. Es ist eine Freude mit diesem Team zu arbeiten.

«Eine wichtige Rolle im System»

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29. Oktober 2019 / Redaktion

Niklaus Schatzmann, Amtschef des Mittelschul- und Berufsbildungsamtes

Die EB Zürich gehört organisatorisch zu den Berufsfachschulen des Kantons. Niklaus Schatzmann, Amtschef des Mittelschul- und Berufsbildungsamtes, hat den Umbau begleitet.

Herr Schatzmann, Sie waren im Steuerungsausschuss des Projektes zur Neuausrichtung der EB Zürich. Wie haben Sie persönlich den Strategieprozess erlebt?

Ich bin beeindruckt vom Prozess und den erzielten Ergebnissen. Der Prozess hat sich vor meiner Zeit als Amtschef bereits über Jahre hingezogen. Der Markt für Weiterbildungen ist aufgrund externer Einflussfaktoren erodiert. Die EB Zürich war aufgrund von Wettbewerbsfaktoren, die sie selber nicht beeinflussen konnte, kaum mehr konkurrenzfähig und musste radikal neu ausgerichtet werden. Diese Notwendigkeit wurde von der Führung der EB Zürich erkannt. Der Prozess hat unter der neuen Leitung der EB Zürich deutlich an Fahrt aufgenommen und war geprägt von einer engen und fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen der Bildungsdirektion bzw. dem Mittelschul- und Berufsbildungsamt und der EB Zürich.

Wie ist die Neupositionierung der EB Zürich im Kontext des Zürcher Berufsbildungssystems und des sich in Vernehmlassung befindenden Projektes zu den Kompetenzzentren zu betrachten?

Vom Projekt Kompetenzzentren ist die EB Zürich nur am Rande betroffen, da es um die Berufszuteilung in der Grundbildung geht. In Zukunft wird die EB Zürich jedoch im Berufsbildungssystem des Kantons Zürich eine gewichtige Rolle einnehmen, beispielsweise als Drehscheibe im Bereich der Digitalisierung als «Digital Learning Hub» oder im Bereich Nachholbildung und Grundkompetenzen. Die EB Zürich übernimmt damit Aufgaben, die für das Gesamtsystem wichtig sind, aber an einer «klassischen» Berufsfachschule fehlplatziert wären.

In welchen Bereichen sehen Sie künftig mögliche Aufträge des Mittelschul- und Berufsbildungsamtes an die EB Zürich?

Wie erwähnt betrifft das insbesondere die Bereiche Grundkompetenzen, Berufsbildung 4.0 (z. B. «Digital Learning Hub») und Berufsabschluss und Berufswechsel mit den Themen Umschulung, Nachholbildung und Integrationsvorlehre.

Sie waren langjähriger Rektor eines Gymnasiums. Welche Bedeutung hat für Sie die Berufsbildung ganz allgemein?

Für mich ist die Berufsbildung relativ neu, aber auch sehr interessant. Auch wenn die Medien manchmal ein anderes Bild suggerieren: Im Kanton Zürich machen fast 80 Prozent der Jugendlichen eine Berufslehre. Zur Bedeutung der Berufsbildung muss ich aus dieser Perspektive also nicht viel mehr sagen. Ich bin zwar bereits zwei Jahre im Amt, aber nach wie vor beeindruckt von der Vielfältigkeit der Thematik und insbesondere von der Dynamik und der Kraft der Entwicklung, die in diesem System vorhanden sind.

«Die EB Zürich übernimmt Aufgaben, die für das Gesamtsystem wichtig sind, aber an einer «klassischen» Berufsfachschule fehlplatziert wären.»

Entwicklungen dauern zwar ihre Zeit, doch werden sie angepackt. Und alle Akteure sind sich bewusst, dass es eine Zusammenarbeit zwischen den Schulen, den Betrieben, der Wirtschaft, dem Bund, den Organisationen der Arbeitswelt und der Verwaltung braucht. Diese Zusammenarbeit ist nicht immer so effizient, wie sie sein könnte und sein müsste. Manchmal gibt es auch Rückschläge und Schlaufen, die durchlaufen werden müssen.

Und bisweilen geraten jene, um die es geht, nämlich die jungen und manchmal auch schon älteren Menschen, welche eine optimale Bildung erhalten sollen, vor lauter Zahlen und Paragraphen fast etwas vergessen. Der Wille und die Energie, sie im Fokus zu behalten, gleichzeitig nach vorne zu blicken, Neues zu schaffen und das System weiterzuentwickeln, sind jedoch in meiner Wahrnehmung überall vorhanden. Das ist nicht nur extrem spannend, ich bin auch froh und dankbar, dass ich meinen Teil zu diesem schweizerischen Erfolgsmodell der Berufsbildung beitragen darf.

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