EB Zürich – Bildungszentrum für Erwachsene

Reifen wechselnd zum Pokal

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13. Dezember 2018 / Redaktion

In zwei Jahren vom Flüchtling aus Afghanistan zum Preisträger bei den Berufsmeisterschaften im Kanton Zürich. Wie das gehen kann, zeigt das Beispiel von Hamid Sohrab. Dabei dreht sich einiges um Räder.


Zwei Gewinner (von rechts): Hamid Sohrab(2), Aray Semai(3)

Hamid Sohrab hat einen langen Weg hinter sich: vom Norden Afghanistans bis ins Kurslokal der EB Zürich in Altstettten. Neun Länder hat er auf seiner Flucht in 45 Tagen passiert. Im Iran sass er zehn Tage lang im Gefängnis und konnte fliehen. Die Türken behandelten ihn anständig, von dort ging es mit der Hilfe von Schleusern und Schleppern durch Mazedonien, Serbien, Kroatien, Slowenien ... Eine abenteuerliche Flucht, wie es viele gibt.

Arbeitsfeld russische Dinosaurier

Ganz am Anfang seiner Geschichte steht ein Auto, ein SUV. Hamid Sohrab besass einen Toyota Hilux, fuhr ihn auch öffentlich und galt damit als privilegiert. Obwohl das Fahrzeug 20 Jahre alt war, hielten ihn die Taliban für einen reichen und einflussreichen Mann, denn wer sonst konnte es sich leisten, einen SUV zu fahren? Doch Hamid war ein einfacher, ungelernter Automechaniker, Spezialgebiet LKWs russischer Provenienz, wovon es im afghanischen Norden reichlich gab: alte, mechanische Ungetüme ohne elektronischen Schnickschnack.

Im Fadenkreuz der Taliban

Auch die Taliban besassen einige davon und Mechaniker, die sie am Fahren halten konnten, waren gefragte Leute. Hamids Können und sein schwarzer Toyota waren schon zwei Gründe, weshalb die Taliban ein Auge auf ihn geworfen hatten. Schliesslich wollten sie, dass er für sie arbeitet. Er versuchte Zeit zu schinden, mehrmals, aber sie liessen nicht locker. Stellten ihm ein Ultimatum. Als sie wütend bei ihm zuhause auftauchten, war er zum Glück nicht da. Sein Bruder wurde Zeuge, wie sie das Haus durchsuchten, Drohungen ausstiessen und schliesslich den SUV mitnahmen. Hamid ging nicht mehr nach hause, sondern reiste so rasch wie möglich nach Pakistan aus.

Sicherer Hafen Basel

Das war Anfang Oktober 2015. In der Schweiz, dem 10. Land auf seiner Flucht, kam Hamid am 20. November an, via Österreich und Deutschland – und er lächelt, wenn er von seiner Ankunft in Basel erzählt. Im August 2018 konnte Hamid endlich wieder anfangen zu arbeiten. Dank einem Vorlehrplatz als Automechaniker bei der Garage Küry Park Side AG in Rüschlikon. Er gehört zu jenen rund 100 Flüchtlingen, die in diesem Jahr im Kanton Zürich erstmals eine Integrationsvorlehre (INVOL) antreten konnten. An zwei Tagen pro Woche besucht er dafür die allgemeinbildenden Fächer an der EB Zürich: Deutsch, Informatik, Bewerbungstechnik usw.

Reifenwechsel in 10 Sekunden

Und bereits hat Hamid einen ersten Preis gewonnen, auch wenn es nur der zweite war. Bei den kantonalen Berufsmeisterschaften Automobilberufe im November belegte er den 2. Rang. Organisiert hat den Wettbewerb die TBZ, Technische Berufsschule Zürich, wo Hamid die branchenspezifischen Fächer belegt. Die Organisatoren haben sich für die Disziplinen bei dieser Meisterschaft etwas einfallen lassen: Bei einem Formel-1-Boliden die Vorderreifen wechseln, Bremsen testen, bei einem Volvo die Spur einstellen, aus Metallteilen einen Rennwagen zusammen setzen usw. An jedem Posten wurde die Qualität der Arbeit geprüft und die Zeit gestoppt. Und Hamid war gut und schnell: Für den Formel-1-Radwechsel brauchte er nur 10 Sekunden.

Glückwünsche des Chefs

Der Garagenbesitzer in Rüschlikon besuchte ihn in der Werkstatt, um ihm zu seinem zweiten Platz zu gratulieren. Um zu unterstreichen, dass das nicht selbstverständlich ist, sagt Hamid: «Das ist eine seehr grosse Garage.» Der Chef soll zu ihm gesagt haben: «Siehst du, wer sich anstrengt in diesem Land, kann viel erreichen.» Für Hamid lautet das Ziel, ein eidgenössischer Abschluss als Automobilfachmann, in vier Jahren. Dann wird Hamid 37 sein. Zuerst habe er gedacht, er sei zu alt für eine solche Ausbildung, aber jetzt ist das Ziel klar: ein Berufsabschluss, wie er ihn in Afghanistan nie hätte machen können.

Den Pokal in Sichtweite

Auf den Pokal ist er stolz. Er steht jetzt bei ihm auf dem Schrank in der Asylunterkunft Wallisellen, wo er sich mit 15 anderen Flüchtlingen eine Küche und ein Bad teilt. Ein bisschen mehr Privatheit würde er sich wünschen. Und neben Arbeit und Schule wieder etwas mehr Zeit für seine Lieblingsbeschäftigung: Spazieren und Wandern in der freien Natur.

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