Herausforderungen einer Kursleiterin der Integrationsvorlehre

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30. September 2020 / Céline Camenzind

Nora Kindler unterrichtet seit 23 Jahren an der EB Zürich. Angefangen hat sie mit Kursen für Stellenlose, wo sie Deutsch als Zweitsprache unterrichtete. Seither ist viel geschehen. Die EB Zürich hat sich weiterentwickelt und neue Herausforderungen angenommen - so auch Nora. Seit einem Jahr unterrichtet sie Deutsch sowie Mathematik für junge Erwachsene, die eine Integrationsvorlehre absolvieren. Die Integrationsvorlehre gibt es nun seit August 2018 und die EB Zürich ist seit Beginn als Kursanbieterin mit dabei. Zwischen 800 bis 1000 Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene werden so jährlich auf die Berufslehre in der Schweiz vorbereitet. Dass es in den heterogenen Klassen auch Herausforderungen gibt, ist klar. Wo liegen diese Hürden und wie gehen die Kursleitenden der EB Zürich damit um?

Illettrismus
Kurse der Integrationsvorlehre an der EB Zürich, © Céline Camenzind

Individuelle Lernansätze für Lernende

Im Kurs Deutsch Allgemein (DALL) wagte Nora Kindler den Schritt weg von Deutsch als Zweitsprache hin zu einem Deutsch, welches die Lernenden für die Berufslehre brauchen. Der Umgang mit den jungen Erwachsenen gefällt Kindler besonders gut an ihrer Arbeit als Kursleiterin. «Ich habe sehr viel Freiheiten im Unterricht und kann so auf die individuellen Bedürfnisse der einzelnen Lernenden eingehen», sagt sie. Dies ist essenziell, denn sie bringen ganz unterschiedliche Voraussetzungen und Bedürfnisse mit. Die Lernenden werden in branchenspezifische Klassen aufgeteilt; Gartenbau, Gastronomie, Gleisbau und weitere. Im Unterricht erlernen sie zum Beispiel den Umgang mit formellem Schreiben, verschiedene Lesetechniken und Fertigkeiten, die Voraussetzung für eine Lehre sind. Wann immer möglich baut Kindler projektbezogene Aufgaben aus der Branche in ihren Unterricht ein. Das Team an der EB Zürich und der Austausch unter den Kursleitenden ist einer ihrer wichtigsten Motivationsfaktoren.

Herausfordernde Voraussetzungen für Kursleitende

Obwohl die Lernenden sehr motiviert und interessiert sind, gibt es einige Herausforderungen beim Unterrichten der jungen Erwachsenen. Oft liegt dies an mangelnder Selbsteinschätzung. Bisher wurde das Selbstvertrauen der Lernenden in anderen Kursen durch positive Kritik gestärkt, was auch richtig war. Ihre Lehrpersonen haben den Fokus auf die Lernerfolge gelegt. Jetzt müssen sich die Lernenden plötzlich mit ihren Schwächen auseinandersetzen. Unzureichenden Kompetenzen können eine unleserliche Schrift, lückenhafte Mathematikkenntnisse oder eine zu umgangssprachliche Ausdrucksweise sein. «Die Lernenden haben sehr viel Potenzial. Sie müssen sich nur bewusstwerden, dass sie in unseren Kursen die einmalige Chance haben genau diese Lücken zu füllen.», meint Kindler.

In diesem Zusammenhang sei es eine Herausforderung, Kritik anzubringen und dass diese auch als konstruktiv angenommen wird. Doch Kindler musste lernen, Verantwortung abzugeben und darauf zu vertrauen, dass schon alles irgendwie gut kommt. Dies bestätigte ihr ein neulich durchgeführter Mathetest. «Die Kenntnisse der Lernenden waren zu Beginn des Kurses extrem unterschiedlich. Das hat mir unser Einstufungstest gezeigt. Ein paar Monate später habe ich den Test noch einmal durchgeführt und die Lernenden haben im Schnitt 50% besser abgeschnitten. Dies hat unter Beweis gestellt, dass sie extreme Fortschritte gemacht haben.», freut sich Kindler über die Entwicklungen ihrer Lernenden.

Eine weitere Herausforderung sei die Heterogenität der Klassen. Nebst verschiedenen Kulturen treffen auch verschiedene Altersgruppen aufeinander. Die Lernenden sind zwischen 17 und 40 Jahre alt und bringen dementsprechend auch unterschiedliche Bildungsniveaus mit. Die EB Zürich ist jedoch sehr bedacht auf Teamwork und die Durchmischung der Lernenden. Dies klappt gemäss Kindler ausgezeichnet. Ihre letzte Klasse habe nationalitätsübergreifend ein gutes Verhältnis aufgebaut und der Zusammenhalt untereinander sei sehr stark gewesen.

Hohe Solidarität trotz physischem Abstand

Durch die Corona-bedingten Massnahmen entstanden neue Herausforderungen für sie als Kursleiterin. Die Lernenden gingen ganz unterschiedlich mit der Situation um. Die Massnahmen setzten eine gewisse Reife voraus, die nicht bei allen gegeben war. Kindler merkte schnell, wer die hohe Eigenverantwortung tragen und wer sich nicht an die Regeln halten konnte. Sie stellte jedoch mit Freude fest, dass die Älteren die Jüngeren unter ihre Fittiche nahmen und sich der Zusammenhalt in dieser Zeit trotz physischem Abstand verstärkte. Auch ihre Abschlussklasse hat dies an den Tag gelegt. Obwohl sie leider keine Abschiedsfeier organisieren durften, wollten sich die Lernenden noch einmal treffen. Mit Rücksicht auf die notwendigen Sicherheitsmassnahmen trafen sie sich auf ein Picknick im Wald. Dies hat Kindler abermals bestätigt, wie hoch der Gemeinschaftsgeist der Klasse war und dass es sich lohnt, die Herausforderungen mit den Lernenden in Angriff zu nehmen.