Der lange Weg zum ersehnten Abschluss

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17. März 2021 / Jürgen Deininger

Erwachsene können nach mind. drei Jahren Berufserfahrung eine vormals nicht abgeschlossene Ausbildung z.B. mittels eines Qualifikations- oder Validierungsverfahrens nachholen. Dabei müssen sie auch Kenntnisse der Allgemeinbildung (ABU) nachweisen. Drei Erwachsene stellen sich dieser Herausforderung und holen ihren Abschluss und die ABU nach. Was motiviert sie dazu, warum haben sie damals nicht abgeschlossen und welches sind die Herausforderungen? Ekrem, Fiona und Sandro erzählen davon.

Ekrem in einem Klassenzimmer des BiZE, wo er als Hauswart arbeitetEkrem in einem Klassenzimmer des BiZE, wo er als Hauswart arbeitet
© Céline Camenzind

Eins war ihm von Anfang an klar: an nicht ausreichenden Deutschkenntnissen wollte er nicht nochmals am Abschluss scheitern, das war ihm schon einmal vor 15 Jahren passiert. Heute kann Ekrem Deutsch auf B1-Niveau nachweisen und für B2 fehlt ihm nur noch das offizielle Examen. Diesen August wird er sein Qualifikationsverfahren als Fachmann Betriebsunterhalt EFZ in der Nachholbildung machen, weswegen er seit letztem Sommer den ABU-Kurs an der EB Zürich besucht.

Einen ABU-Kurs besuchen auch Fiona und Sandro, beide haben vor über zehn Jahren ihre berufliche Grundbildung abgebrochen: Fiona verlor anfangs der 2000-Jahre durch einen Umzug den Schulplatz für ihre Ausbildung zur Pflegeassistentin, danach fehlte ihr die Motivation, diese fortzusetzen und abzuschliessen. Nach einem Handelsdiplom und einigen Jahren Arbeit in der Administration kehrte sie wieder in die Pflege zurück und musste feststellen, dass sie ohne Ausbildung «keinen Job mehr findet».

Und Sandro schmiss mit 15 die Schule, holte später die Real nach und erwarb über ein Projekt das EBA als Restaurationsfachmann. Nach vielen Jahren im Service wechselte er in den Pflegebereich. Ohne EFZ-Abschluss sagt er, verdiene er aber weniger und v.a. habe er weniger Ahnung, das sei auch nicht gut für seine «Klienten», wie er die von ihm betreuten Personen nennt. Daher wird er ab August 2021 eine berufliche Grundbildung als FaGe (Fachmann/-frau Gesundheit EFZ) beginnen. Doch warum holen die drei ihren Abschluss nach? Was motiviert sie und welchen Schwierigkeiten müssen sie sich stellen?

Motivation, den Abschluss nachzuholen

Für Fiona steht der Wandel im Gesundheitswesen im Vordergrund. Ihre damals angefangene Ausbildung als Pflegeassistentin ist ihr zu wenig, um den veränderten Anforderungen in ihrer Branche gerecht werden zu können. Ihr aktueller Arbeitgeber schlug ihr vor, das eidgenössische Fähigkeitszeugnis in der Pflegebranche doch noch zu erlangen.

Für Sandro eröffnet sich mit dem Abschluss der früheren Ausbildung der Weg für eine neue; den Pflege-Ausbildungsplatz in Uster hat er bereits. Die neue Lehre verkürzt sich für ihn um ein Jahr, weil er bereits einen Abschluss nachweisen kann.

Ekrem gefällt die Arbeit als Hauswart und er wollte den Abschluss schon immer nachholen. Bei seinem vorigen Arbeitgeber hatte er keine Unterstützung erhalten, da ging es hauptsächlich darum, die Arbeit gut zu machen. Ein Abschluss hätte für die Firma nur höhere Lohnzahlungen bedeutet.

Teilnehmerinnen des ABU-Kurses bei einer GruppenarbeitTeilnehmerinnen des ABU-Kurses bei einer Gruppenarbeit

Diese Aussagen hinsichtlich der Beweggründe, warum jemand nach vielen Jahren Berufstätigkeit den Abschluss nachholen will, bestätigt auch Urs Schweikert. Er ist Prüfungsleiter der ABU-Kurse an der EB Zürich und kennt die unterschiedlichen Hintergründe und Motivation der Kursteilnehmenden bestens. «Erwachsene holen ihre Ausbildung nach, weil dies entweder ihre Anstellung sichert oder zu einem besseren Verdienst führt oder ihnen auch Möglichkeiten für Weiterbildungen eröffnet», so Schweikert. Qualifiziertes Personal verfügt zudem über ein breiteres Wissen und kann durch seine vielseitige Fachkompetenz einem Betrieb mehr Wertschöpfung bringen.

Kein einfacher Weg

Der allgemeinbildende Unterricht ist in aller Regel obligatorischer Bestandteil des Validierungs- bzw. Qualifikationsverfahrens, mit denen ein Berufsabschluss nachgeholt werden kann. «Die grösste Schwierigkeit sind mangelnde Sprachkenntnisse und die hohe Arbeitsbelastung», weiss Urs Schweikert aus seiner Erfahrung. Wegen dieser Belastung brechen Teilnehmer/innen nicht selten schon in den ersten Wochen den Kurs ab oder tauchen einfach nicht mehr im Unterricht auf. 

Die deutsche Sprache ist diesmal nicht die grösste Herausforderung für Ekrem; schwieriger war für ihn, sich neu zu organisieren. Dabei durften weder die Familie und seine beiden Kinder noch seine Lernzeit zu kurz kommen. Nach Anlaufproblemen und vielen Gesprächen mit seiner Frau klappt das mittlerweile recht gut. Für sie sei es nicht besonders schwierig gewesen, wieder in die Schule zu gehen, meint hingegen Fiona. Lernen falle ihr leicht und sie könne alles – Schule, Beruf und Privatleben – gut integrieren. Sandro sagt von sich, dass er ein strenges 2020 hinter sich habe; er zügelte, trennte sich von seinem Partner und hatte noch dazu Corona im Pflegeheim. «Im Moment ist es viel, aber es geht», und er ist zuversichtlich, auch weil ihn sein Kollegenkreis bei allem unterstütze.

Sandrfo und Fiona im ABU-KursSandro und Fiona haben sich im ABU-Kurs kennengelernt

Wichtige Unterstützung durch Arbeitgeber

Einen Abschluss nachzuholen, gilt wegen der hohen zeitlichen Mehrbelastung generell als streng. Eine wichtige Rolle im ganzen Verfahren spielen daher die Arbeitgeber: Sie müssen ihre Mitarbeitenden unterstützen. Bei Fiona und Sandro übernehmen diese die Kurskosten und kommen ihnen mit reduzierten Arbeitspensen bei gleichem Lohn entgegen. Generell sind zukünftig höhere Löhne und verantwortungsvollere Tätigkeiten im Betrieb für viele eine wichtige Motivation, sich diesen Mühen zu unterziehen.

Ekrem erhielt von seinem Vorgesetzten frühzeitig Unterstützung, um seine Deutschkenntnisse zu verbessern. Auch der Hinweis, wie er den Abschluss nachholen und wo er sich darüber informieren konnte, kam von ihm – das ist bei vielen Unternehmen keine Selbstverständlichkeit. Ausserdem coachte ihn der Vorgesetzte bei speziellen Arbeiten, die für den Lehrabschluss relevant waren. Und die Aussicht, nach dem bestandenen Qualifikationsverfahren als Hauswart den Höhere Fachprüfung Hauswart in Wetzikon zu besuchen, spornte Ekrem zusätzlich an.

Fiona, Sandro und Ekrem stehen kurz vor ihrem Qualifikationsverfahren. Demnächst werden sie ihre Vertiefungsarbeit fertigstellen und sie im Kurs präsentieren. Da heisst es, Daumen drücken, damit sie diese letzte Hürde auch noch meistern und erfolgreich abschliessen können – zehn, 15 und gar 20 Jahre nach ihrem ersten Versuch. Alles Gute und viel Erfolg!

 

Kontakt

Gabriela Notter
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