Berufsabschluss erfolgreich nachholen

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25. Januar 2021 / Jürgen Deininger

Auch wenn der Einstieg ins Berufsleben in der Schweiz mit einer Berufslehre recht einfach ist, besitzt jede/r siebte Erwerbstätige keinen Abschluss auf Sek II-Stufe. Erwachsene können neben der klassischen Berufslehre mit Lehrvertrag auch ohne Lehrvertrag einen Berufsabschluss nachholen, sofern sie mindestens fünf Jahre Berufserfahrung mitbringen. Von grosser Bedeutung sind dabei kantonale Beratungsstellen für Erwachsene und Berufsfachschulen, die Vorbereitungsmöglichkeiten für Berufskenntnisse und Allgemeinbildung anbieten.

Berufseinstieg dank Integrationsvorlehre

Mit dem Berufsbildungssystem bietet die Schweiz allen Jugendlichen einen idealen Einstieg ins Arbeitsleben. 70% der Jugendlichen im Kanton Zürich wählen den Weg einer Lehre, andere wählen die Matura, wieder andere beginnen einfach so mal an zu arbeiten. Trotz dieses einfachen Einstiegs überraschen die Zahlen: Schweizweit weist gemäss einer Studie des SVEB jede/r siebte Berufstätige keinen Abschluss auf Sek II-Stufe auf und hat weder einen Berufsabschluss noch die Matura in der Tasche. Im Jahr 2016 waren dies über 600'000 Personen.

Meist sind diese Personen über Jahre hinweg erwerbstätig, oft jedoch sehr schlecht bezahlt. Sie gehören mit zu den ersten, die in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ihre Arbeit verlieren, und sind so dem Risiko ausgesetzt, nach längerer Arbeitslosigkeit von der Sozialhilfe abhängig zu werden. Um dem vorzubeugen, sieht das Berufsbildungsgesetz (Berufsbildungsverordnung, Art. 31ff) verschiedene Wege vor, mittels derer Erwachsene einen Abschluss nachholen und sich so besser wieder in den Arbeitsmarkt integrieren können.

Beratung durch Fachstellen zentral

Eine bedeutende Rolle und erste Anlaufstation für Ratsuchende im Kanton Zürich ist die Fachstelle Berufsabschluss für Erwachsene. Interessierte werden meist über ‘Mund-zu-Mund-Propaganda’ auf diese Anlaufstelle aufmerksam, wie Bettina Wöhler von der Fachstelle am biz Oerlikon aus Erfahrung weiss. Aber auch Berufsfachschulen, das RAV oder andere Stellen, die Erwachsene ohne Berufsabschluss beraten, verweisen sie an diese Anlaufstelle.

Wer sind diese Erwachsenen, die sich an die Fachstelle wenden? Einen typischen Werdegang der Erwachsenen, die den Berufsabschluss machen wollen, gebe es nicht, so Frau Wöhler. «Es hat Personen, die nach der Familienphase (…) das Berufsfeld wechseln. Oft haben sie schon einen Berufsabschluss. Dann hat es Personen, die vielleicht eine Lehre angefangen und aus irgendeinem Grund nicht beendet haben». Ein Teil der Personen hätte nach der obligatorischen Schule zuerst einmal Geld verdienen wollen. Ein anderer möchte jetzt seine Berufserfahrung mit einem EFZ (Eidg. Fähigkeitszeugnis) oder EBA (Eidg. Berufsattest) unterstreichen. Wieder andere benötigen ein EFZ als Einstieg für eine Weiterbildung. Zuletzt gebe es auch Personen, die aus dem Ausland in die Schweiz gekommen seien und deren Abschluss aus dem Heimatland hier in der Schweiz nicht oder nur unter grossen Auflagen anerkannt sei.

Wege zum nachgeholten Berufsabschluss

Erwachsenen, die sich wegen eines Berufsabschlusses auf Stufe beruflicher Grundbildung an die Fachstelle wenden, erfahren, dass ihnen vier Möglichkeiten offenstehen: Neben der beruflichen Grundbildung regulär bzw. verkürzt mit Lehrvertrag, gibt es den Weg über die direkte Zulassung zum Qualifikationsverfahren und die Anerkennung von Bildungsleistungen, das Validierungsverfahren. Voraussetzung für diese beiden Wege sind mind. fünf Jahre Berufserfahrung insgesamt, wovon i.d.R. drei Jahre spezifische Berufserfahrung im angestrebten Beruf sein müssen. An den Informationsveranstaltungen zeigt die Fachstelle den Interessierten, wie sie ein EFZ oder ein EBA erlangen können und wie der Weg bis zum Abschluss für die einzelnen Personen aussieht. «Wer weiss, dass es in seinem angestrebten Beruf ein Validierungsverfahren gibt und dieses machen möchte, kommt in einen berufsspezifischen obligatorischen Informationsanlass und erhält dort alle Informationen. Die obligatorischen Informationsanlässe zu den Validierungsverfahren werden in den beiden Verfahrenskantonen Bern und Zürich angeboten und sind für Interessierte aus der ganzen Deutschschweiz. Wir informieren grundsätzlich auch über die anderen Wege, z.B. mit Lehrvertrag – regulär bzw. verkürzt – welche für Erwachsene auch eine Option sein können», erläutert Bettina Wöhler.

Zielstrebigkeit und Durchhaltvermögen hilfreich

Personen, die einen Berufsabschluss nachholen wollen, steht ein Weg bevor, der Zielstrebigkeit, Durchhaltevermögen und Eigenverantwortung erfordert. Das Schweizer Fernsehen porträtierte vor ein paar Jahren eine junge Frau aus Basel. Sie hatte ihre Lehre abgebrochen, jobbte anschliessend in verschiedenen Bereichen, machte ein Praktikum und wurde dann arbeitslos. Acht Jahre war sie von Sozialhilfe abhängig, von der sie unbedingt wieder wegkommen wollte. Der Kanton Basel half ihr, eine Lehrstelle zu finden. Dabei haben die guten Kontakte der kantonalen Berufsberatung zum Gewerbeverband die Suche erleichtert.

Ablauf des Validierungsverfahrens

Das Validierungsverfahren beginnt immer mit einem obligatorischen Informationsanlass, der momentan Corona-bedingt online erfolgt. Die Teilnehmenden erstellen dann das Dossier, worin sie belegen, dass sie die im angestrebten Beruf erforderlichen Handlungskompetenzen haben. Ist das Dossier vollständig und sind die Voraussetzungen der Berufserfahrung erfüllt, kann das Dossier eingereicht werden. Prüfungsexperten prüfen dieses und laden die Teilnehmenden anschliessend zu einem Beurteilungsgespräch ein. Danach geht das Dossier inkl. Beurteilung an die Prüfungskommission, die dieses verifiziert. Die Teilnehmenden erhalten dann einen Lernleistungsausweis, der aufführt, welche Kompetenzen erfüllt sind und welche noch nicht. Lücken in den beruflichen Kompetenzen und der Allgemeinbildung können nun in der ergänzenden Bildung geschlossen werden. Sind alle Kompetenzen erfüllt, wird das EFZ bzw. EBA ausgestellt.

Berufseinstieg dank Integrationsvorlehre
Quelle: www.berufsbildung.ch

Allgemeinbildung nachholen

Eine wichtige Kompetenz, die Erwachsene nachweisen bzw. erwerben müssen, sind Kenntnisse der Allgemeinbildung. Wer diese bereits in einer früheren Grundbildung (EFZ, EBA oder Matura) erworben hat, wird davon dispensiert, worauf Bettina Wöhler Interessierte explizit hinweist. Auch würden Berufsabschlüsse oder Matura aus dem EU-Raum anerkannt. Vorausgesetzt, die Deutschkenntnisse des interessierten Erwachsenen betragen mindestens B1-Niveau (gemäss GER). Bei allen anderen Fällen muss die Allgemeinbildung obligatorisch nachgeholt werden, wofür es im Kanton verschiedene Kursmöglichkeiten gibt. Die EB Zürich bietet bereits seit mehr als 15 Jahren ABU-Kurse an. Pro Jahr machen ca. 100 Erwachsene davon Gebrauch und holen diese Qualifikation für ihren Berufsabschluss nach.

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