ADHS und ASS: Beeinträchtigungen bei Berufslernenden

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14. Juni 2021 / Jürgen Deininger

Eine von 20 Personen in der Schweiz ist von ADHS betroffen, darunter auch Berufslernende. Rebekka Pfister Hellrigl, Fachperson Autismus und selbständige Beraterin, gab im Online-Kurs «Autismus und ADHS im Ausbildungsalltag» einen Einblick in diese neurologisch bedingte Wesensart. Im Interview erklärt sie, wie sich diese Beeinträchtigungen äussern und wie Verantwortliche in der Berufsbildung mit Betroffenen in der Ausbildung umgehen können.

Online-Kurs ADHS und Autismus

Was versteht man unter Autismus-Spektrum-Störungen und ADHS?

ASS (d.h. Autismus-Spektrum-Störungen) und ADHS (d.h. Aufmerksamkeitsdefizit-/
Hyperaktivitätsstörung ) werden beide der Kategorie der Entwicklungsstörungen zugerechnet. Ich selber spreche lieber von einer neurologisch bedingt speziellen Wesensart. D.h. Gehirne von Menschen mit einer ASS oder einer ADHS unterscheiden sich von denjenigen anderer Menschen. Dies zeigt sich vor allem in der Wahrnehmungsverarbeitung, im Denk- und Lernstil, im Sozialverhalten und in der Kommunikation. Heute geht man davon aus, dass 1 – 2 % aller Menschen von einer ASS und ca. 5% von einer ADHS betroffen sind.

Wie äussern sich diese im Alltag von betroffenen Jugendlichen bzw. bei ihrer Ausbildung?

Anzeichen für eine ADHS sind Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität. Im Arbeitsalltag treffen wir häufig auf Flüchtigkeitsfehler und auf die Schwierigkeit, sich selbst organisieren zu können. Jugendliche mit ADHS können chaotisch und sprunghaft wirken, sind aber häufig überdurchschnittlich kreativ, begeisterungsfähig und hilfsbereit. Lernende mit ASS tun sich schwer mit Veränderungen und brauchen sehr viel Struktur und je nach Reizoffenheit auch Ruhe und Rückzugsmöglichkeiten. Pausen müssen je nachdem individuell geregelt werden. Autistische Jugendliche sind typischerweise ehrlich, zuverlässig und haben eine grosse Merkfähigkeit.

Welche Art von Betreuung benötigen von ADHS/ASS-betroffene Berufslernende?

Es kann eine Herausforderung sein, Jugendliche mit ihren Besonderheiten zu begleiten. So wird beispielsweise das Thema Selbstorganisation mehr Zeit und Einführung brauchen als bei anderen Lernenden. Im Ausbildungsalltag ist es wichtig, dass kurze Arbeitsschritte instruiert und nicht zu viele Aufträge auf einmal erteilt werden. Übersichtliche und schriftlich formulierte Aufträge führen eher zum Ziel.
Wichtig ist aber nebst allen Anpassungen, den Fokus auf die Stärken zu legen und die Lernenden immer wieder zu ermutigen, die anstehenden Herausforderungen anzunehmen.
Der wichtigste Erfolgsfaktor, ob ein Berufseinstieg gelingt oder nicht, ist sicher die Beziehungsqualität zwischen der Ausbildungsperson und dem/der Lernenden. Um sich dafür die Zeit nehmen zu können, müssen Betriebe entsprechende Zeitgefässe zur Verfügung stellen.

Was bedeutet dies für die Ausbildung von Berufsbildungsverantwortlichen?

Es ist von Vorteil, wenn die Praxis-Ausbilderinnen und Berufsbildner über ein Grundwissen betreffend ASS bzw. ADHS verfügen. Zudem ist es häufig entlastend, wenn ein Jobcoach hinzugezogen werden kann, der sich um die Strukturanpassungen kümmert und immer wieder neu beurteilen kann, wo und ob überhaupt Unterstützung nötig ist. Denn ein zu grosser Schonraum kann die Lernmotivation auch verringern. Deshalb sind sich auch Fachpersonen einig, dass nur so viel wie nötig und so wenig wie möglich gestützt werden sollte.

Statements von Teilnehmenden: Welche neuen Erkenntnisse nehmen Sie mit aus dem Online-Kurs?

- «Wie ich besser den Alltag der ADHS- oder ASS-Lernenden gestalten kann»
- «Dass es verschiedene Stellen gibt, wo ich als Ausbilderin Informationen beschaffen und mir Unterstützung holen kann»
- «Viele neue Erkenntnisse … und dass ich am Thema dranbleiben möchte»
- «Was für Chancen und Herausforderungen wir mit unserem zukünftigen Lernenden erleben werden»
- «Welches Verhalten von unserem Umfeld Menschen mit Autismus und ADHS fördern kann»